Seit 1990:
Die Altlastensanierung

Es gibt Dinge, mit denen will niemand Aufsehen erregen. Der Zeitabschnitt, der Ende der Achtzigerjahre in Neuschloß beginnt und noch nicht abgeschlossen ist, ergibt sich zwangsläufig, wenn man Fabrik- und Siedlerzeit gemeinsam betrachtet. Es ist die dramatische Epoche der Altlastensanierung.

Am Anfang stehen Jahre des Wegsehens. Die Achtzigerjahre beginnen, als die Stadt Lampertheim im Rahmen der zweiten großen Bebauungsphase Grundstücke entlang des Buchenwegs vor dem Wald verkauft – zu einer Zeit also, in der das Bewusstsein für Altlastengefahren schon herangereift ist. Und irgendwie scheint man was zu ahnen im Rathaus. Jedenfalls rücken auf einem Teil der vorgesehenen Bauplätze Bagger und Laster an, die Erde abheben – und sie an einigen Stellen in Lampertheim abladen, wo man gerade baut. Unter anderem am Lärmschutzwall im Rosenstock, der deshalb später aufwendig saniert werden sollte.

Als die Kommune im neuen Wacholderweg einige Jahre später den Kindergarten für Neuschloß bauen will, fallen bei Bodenuntersuchungen Schadstoffe auf. Sie werden saniert; die Stadt nennt als Verursacherin eine Spedition, die dort ihre Wagen abgestellt habe. Und es geht weiter. 1989 graben Erlenweg-Bewohner in ihrem Keller – und erleben eine unliebsame Überraschung. Der Boden blüht nach dem Sauerstoffkontakt aus – eine aggressive chemische Reaktion von Natriumsulfat. Die Stadt spricht von einem Einzelfall.

Von Einzelfall zu Einzelfall

Und es kommt schlimmer: Studien ergeben, die Schadstoffbelastung auf dem Hügel mit Produktionsresten der Fabrik („Sodabuckel“), wo die Stadt nur zwei Jahre zuvor einen Abenteuerspielplatz errichtete, ist so hoch, dass selbst aufgewirbelter Staub gefährlich sein kann. Erst Monate nachdem der Verwaltung diese Erkenntnis schriftlich vorliegt, schließt sie den Kinderspielplatz – und sieht weiterhin keinerlei Gefahr für die Siedlung auf dem früheren Fabrikgelände. Es verfestigt sich der Eindruck, die Stadt wolle sich unter Bürgermeister Gisbert Dieter (SPD) vor ihrer Verantwortung als Verkäuferin der Grundstücke drücken.

Verlorene Prozesse von klagenden Bauplatzkäufern und die hartnäckige Kreisbeigeordnete der Grünen, Eva-Maria Krüger, bringen in dieser Frage etwas Bewegung ins Rathaus. Letztlich ist es erst der im September 1997 gewählte unabhängige Bürgermeister Erich Maier, der die Verantwortung der Stadt anerkennt und die Sanierung in Neuschloß mit vorantreibt. Flächendeckende Untersuchungen zeigen: Die Böden im kompletten Wohngebiet zwischen Altem Lorscher Weg und Ulmenweg weisen hohe Schadstoffbelastungen mit Arsen und Schwermetallen wie Blei, Kupfer, Quecksilber und Thallium auf. Dazu kommen Dioxine und Furane in teils extremen Konzentrationen. Das Trinkwasser ist voller Arsen.

Wegsehen wollen aber auch viele Neuschlößer. Fassungslos nehmen die Siedler zunächst zur Kenntnis, dass sie nichts mehr aus ihren vor kurzem noch prämierten Gärten essen dürfen, dass Behörden alle unbedeckten Flächen mit Rollrasen belegen lassen, um Staub zu vermeiden, dass sie nicht mehr mit dem Grundwasser aus ihren Brunnen gießen dürfen. Und als Jahre später Männer mit Motorsägen kommen und sämtliche Bepflanzung entfernen, Bagger die Gartenwege, Garagen und Nebengebäude abreißen – da stehen viele der früheren Heimatvertriebenen daneben mit Tränen in den Augen und dem Gefühl, zum zweiten Mal in ihrem Leben ihre Heimat und alles Geschaffene zu verlieren.

Der Kampf um den Sanierungsvertrag

Und um ein Haar wäre das auch tatsächlich passiert. Denn mit dem Bundes-Bodenschutzgesetz gilt seit März 1999 plötzlich die Regel, dass grundsätzlich neben dem Verursacher von Verunreinigungen auch alle Eigentümer die Kosten einer Sanierung tragen müssen. Da eine Auseinandersetzung mit einem Rechtsnachfolger der Fabrik wenig Aussichten auf Erfolg verspricht, hätten demnach die 125 betroffenen Grundstücksbesitzer des Sanierungsgebiets zusammen die am Ende gut 90 Millionen Euro aufbringen müssen – was den Wert von Grundstücken und Häuern um ein Vielfaches überschreitet. Der komplette Stadtteil wäre pleite.

Das ist der Punkt, an dem Neuschloß nach Jagdschloss, erster Sodafabrik und in blühende Gärten verwandelter Industriebrache zum vierten Mal beginnt, Außergewöhnliches zu leisten. Hilfreich ist dabei, dass seit der zweiten Bauphase Menschen im Stadtteil leben, die nicht weg-, sondern genau hinsehen; die wissen, wie man Dinge in die Hand nimmt. Sie gründen eine Bürgerinitiative, initiieren die Wahl eines Projektbeirats, dem laut Hessischem Altlastengesetz feste Beteiligungsrechte zustehen. Schließlich rufen die Anwohner einen Altlastenverein ins Leben, in den fast alle Grundstückseigentümer eintreten – und der von den Mitgliedsbeiträgen sehr fachkundigen Rechtsbeistand bezahlen kann.

Es folgen langwierige Verhandlungen mit der Stadt Lampertheim, dem Regierungspräsidium Darmstadt und dem Hessischen Umweltministerium. Die Neuschlößer bringen dafür die richtigen Leute mit: welche, die laut auf den Tisch hauen, welche, die diplomatisch vermittelnd formulieren, welche mit inhaltlichem Sachverstand – und als es sein muss, viele Betroffene mit Transparenten in Wiesbaden.

Der 22. Januar 2003 ist jener Tag, an dem sich diese Mühe auszahlt. Der Altlastenverein schließt mit Stadt Lampertheim und Land Hessen einen Sanierungs-Rahmenvertrag. Er beschränkt die Kosten für die Grundstückseigentümer auf zehn Prozent, maximal aber je 7700 Euro. Außerdem werden Nebengebäude und Gärten nach der Sanierung wieder hergerichtet – oder die Anwohner entschädigt. Ein großer Erfolg, der sich bis heute in Deutschland nicht wiederholt hat.

Die Grundstücke sind wieder sauber

Gärten und Garagen abgerissen, der Boden zwei Meter tief ausgegraben, die Häuser verhüllt: Altlastensanierung in Neuschloß.
Gärten und Garagen abgerissen, der Boden zwei Meter tief ausgegraben, die Häuser verhüllt: Altlastensanierung in Neuschloß.

Seit 2015 ist die bis dahin größte bewohnte hessische Altlast komplett saniert. Das Prinzip: Die oberen zwei Meter Grund sind komplett ausgetauscht. Darunter liegt eine Sperrschicht aus Mineralien und einer stabilen Folie, die Niederschlagswasser in unbelastete Bereiche ableitet. So gelangen die Schadstoffe tiefer in der Erde nicht ins Grundwasser.

Die Bilanz in Zahlen: 113 Grundstücke, 175.000 Tonnen kontaminierter Boden, 6500 Sattelzüge auf dem Weg zu Entsorgungsstellen, 260 Tonnen Schwermetalle, besonders Blei und Arsen, sowie 180 Gramm Dioxine und Furane. Wieder blühen Gärten auf, manche Neuschlößer erweitern ihre Häuser, Baulücken verschwinden, alle Straßen sind neu.

Die Sicherung des Sodabuckels

Abgeschlossen ist seit 2016 auch die Sicherung des Sodabuckels im Wald nördlich des Buchenwegs. Ein Projekt, das die Stadt Lampertheim weitgehend alleine schultern musste. Die ehemalige Abfallhalde der Chemischen Fabrik wird in Form gebracht und neu mit Bäumen und Sträuchern bepflanzt.
Eine Wasserhaushaltsschicht schützt das Grundwasser – denn ein Großteil der Schadstoffe liegt wie in der Siedlung unter der neu aufgetragenen Erde. Zäune um den Buckel sollen Wildtiere von dem noch jungen Grün und der Sperrschicht fernhalten.

Bleibt das Grundwasser

Wissenschaftler der Universität Heidelberg entnehmen Wasserproben auf dem Testfeld im Ulmenweg.
Wissenschaftler der Universität Heidelberg entnehmen Wasserproben auf dem Testfeld im Ulmenweg.

Tief unter der Erde gibt es weiter Hinterlassenschaften der früheren Fabrik. An der Landesstraße, in der Nähe von Abwasserpumpstation und kleinem Friedhofparkplatz, rauscht das Grundwasser durch die Sanierungsanlage. Tag und Nacht ziehen Pumpen Wasser aus verschiedenen Brunnen an, reinigen und drücken es im Wald zurück unter die Erde. Jedes Jahr holt die Anlage 60 Kilogramm Arsen aus dem Grundwasser (zur Einordnung: 60 bis 170 Milligramm Arsenik gelten für Menschen als tödliche Dosis). Die Grundwassersanierung könnte ein Erfolg sein – wäre die Gesamtbelastung nicht kaum vorstellbar hoch. Die Experten gehen von sieben bis zehn Tonnen Arsen im Grundwasserleiter aus. So richtig was ändern würde sich im Grundwasser, geht alles so weiter wie bisher, in etwa 150 Jahren.

Die Arsenfahne reicht weit über das Gelände der früheren Fabrik hinaus.
Die Arsenfahne reicht weit über das Gelände der früheren Fabrik hinaus.

Andererseits: Die Schadstofffahne, einen Kilometer lang, bewegt sich mit 15 Zentimetern pro Jahr in Richtung Wasserwerk im Bürstädter Wald. Heute liegen noch 2,5 Kilometer zwischen Arsen und Werk. Demnach erreichen die Schadstoffe das Wasserwerk in 300 bis 400 Jahren. Für das Grundwasser ist das ein nicht wirklich langer Zeitraum. Aber uns Menschen kommt das alles ziemlich lange vor. Und auch dem Land Hessen, das die Grundwassersanierung bezahlt, kommt das ewig vor. Auch mit Blick darauf, dass man mit dem eingesetzten Geld mit Projekten an anderen Orten schneller zu vorzeigbaren Erfolgen käme.

Deshalb soll es wie bisher nicht weitergehen. „Die Effektivität ist gleich null, weil die Ist-Konzentration weiter gleich der Ausgangs-Konzentration ist – und das bei Kosten von bisher insgesamt gut acht Millionen Euro“, erläutern 2015 die Behörden dem Projektbeirat Altlasten Neuschloß. Mit der derzeitigen Technik sei Neuschloß nicht sanierbar. Eine Schocknachricht – zunächst. Doch bald wird klar: Die Wende kann zur Chance werden.

Die Idee: Würde sich mehr Arsen vom Gestein lösen, könnte die Sanierung effektiver voranschreiten. Das Regierungspräsidium Darmstadt gewinnt als Partnerin die Universität Heidelberg. Wissenschaftler entwickeln ein chemisches Verfahren mit Phosphat.

Die Versuche in einem kleinen Testfeld im Ulmenweg zeigen: Die Sache kann funktionieren. Im Sommer 2017 liegt eine Machbarkeitsstudie zur großtechnischen Umsetzung der Arsenmobilisierung vor – und das Hessische Umweltministerium stellt das Geld bereit. Wenn alles klappt, braucht es für die Grundwassersanierung statt 150 nur noch 15 Jahre. Erneut ist Neuschloß mit einem bisher einzigartigen Verfahren ganz vorne.

Zeittafel